In einem Verhaltensexperiment logen Probanden aus Deutschland weit
weniger zu ihrem Vorteil, als Wissenschaftler zuvor vermutet hatten
nämlich gar nicht. Das haben Forscher der Universitäten Bonn und Oxford
um Prof. Dr. Armin Falk herausgefunden. Beim Münzwurf konnten die
Teilnehmer durch Schummeln leicht Geld verdienen, doch die Testpersonen
blieben ehrlich. Die Studie ist nun in der Discussion Paper Series des
Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) erschienen.
Es
gibt viele Situationen im Leben, in denen sich Schummeln anbietet, um
einen Vorteil zu erlangen etwa, wenn man bei der Steuererklärung ein
niedrigeres Einkommen angibt als zutrifft oder wenn man dem Chef
vorgaukelt, das ganze Wochenende durchgearbeitet zu haben. In allen
Weltreligionen und Moralsystemen hat Ehrlichkeit einen sehr hohen
Stellenwert, sagt Prof. Dr. Armin Falk, Direktor der Abteilung für
empirische Wirtschaftsforschung der Universität Bonn und
Programmdirektor am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). So
verbietet etwa im Christentum das Achte Gebot zu lügen. Ökonomen
gehen jedoch davon aus, dass Menschen zur Lüge neigen, wenn es sich
lohnt, fügt Prof. Falk hinzu.
Beim Münzwurf gab es für die Zahl 15 Euro
Wie
weit das Lügen in Deutschland tatsächlich verbreitet ist, untersuchten
die Wissenschaftler mit einem einfachen Experiment. Das Sozial- und
Marktforschungsinstitut infas in Bonn befragte 700 zufällig ausgewählte
Personen in Deutschland am Telefon. Die Aufgabe: Die Probanden sollten
eine Münze werfen. Wer angab, Zahl geworfen zu haben, bekam 15 Euro.
Wer Kopf warf, bekam nichts. Damit war die Verführung schon sehr
groß, in der Umfrage einfach `Zahl´ anzugeben, da niemand am Telefon
nachprüfen konnte, ob dies tatsächlich zutraf, berichtet Erstautor Dr.
Johannes Abeler von der Universität Oxford, der zusammen mit Prof. Falk
das Experiment durchführte.
Die Statistik kann Schummeleien enttarnen
Die
Forscher konnten jedoch indirekt feststellen, wie viele der
Testpersonen gelogen hatten. Die Chance, Kopf oder Zahl zu werfen, ist
genau gleich groß 50 : 50, erläutert Prof. Falks Mitarbeiterin und
Mitautorin Anke Becker. Das Ergebnis war überraschend: Nur 44,4 Prozent
der Befragten gaben an, Zahl geworfen und damit Anrecht auf die 15
Euro zu haben. 55,6 Prozent sagten Kopf und gingen damit leer aus. Die
Wissenschaftler boten in einer weiteren Untersuchung die Möglichkeit,
nur ein bisschen zu schummeln: Die Probanden sollten insgesamt vier Mal
eine Münze werfen, wodurch nur teilweise gelogen werden konnte. Doch
auch diesmal gaben weniger als 50 Prozent der Befragten an, eine Zahl
geworfen zu haben und damit einen Gewinn von diesmal fünf Euro zu
bekommen.
Beim Lügen kommt es offenbar auf die Situation an
Damit
beriefen sich sogar deutlich weniger Probanden darauf, Zahl geworfen zu
haben als statistisch vorgegeben, sagt Dr. Abeler, der an der
Universität Bonn promoviert hat. Vorangegangene Studien in
Laborumgebungen hatten hingegen gezeigt, dass etwa 75 Prozent der
Befragten angaben, Zahl geworfen zu haben. Offenbar ist Lügen
situationsbedingt, schließt Prof. Falk aus den Ergebnissen. Die
Probanden wurden zuhause in ihrer privaten Umgebung befragt. In diesem
geschützten Raum soll wahrscheinlich das Selbstbild der `ehrlichen Haut´
nicht unnütz zerstört werden. Im geschäftlichen Bereich könne dies
jedoch ganz anders aussehen, ergänzt der Ökonom: Wer zum Beispiel im
Beruf lügt, kann sich unter Umständen damit trösten, dass er das für
seinen Arbeitgeber macht.
Studie hat Konsequenzen für Wissenschaft und Geschäftsleben
Die
Ergebnisse haben aus Sicht der Forscher absehbar weit reichende
Konsequenzen für Wissenschaft und Geschäftsleben. In
Verhaltensexperimenten wurde bislang sehr stark darauf geachtet, Anreize
für wahrheitsgemäße Auskünfte zu schaffen das scheint in diesem
Ausmaß nicht erforderlich zu sein, sagt Dr. Abeler. Und mit Blick auf
die Staatsfinanzen: Wenn ein nicht zu anonymes Umfeld gewählt und an das
Selbstwertgefühl appelliert werde, könne vielleicht sogar die
Steuerehrlichkeit gefördert werden.
Publikation: Truth-Telling: A Representative Assessment, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, IZA DP No. 6919